Als ich letzten Sonntag von meinem "neuen Leben" schrieb, fand ich, dass es unheimlich blöd klingt. Beginne ich mit der Ausbildung wirklich ein "neues Leben"? Wird es so enorme Veränderungen geben? Wird alles anders werden? Kann ich wirklich von einem "neuen Leben" sprechen?
Knapp fünf Tage später kann ich all diese Fragen mit einem klarem "Ja!" beantworten. Spätestens am Montag, den 03. September 2007 - auf den Tag genau dreizehn Jahre nach meiner Einschulung - realisierte ich, dass nun wirklich eine völlig neue Zeit anbricht.
Im Festzelt Olpe begrüßte man uns - knapp 450 neue Azubis aus dem Raum Mitte [NDS, NRW] - offiziell als neue Siemens-Azubis. Von nun an würden wir dazu gehören, vorausgesetzt wir würden uns an die Regel: "Nicht schlagen. Nicht klauen. Nicht lügen" halten. Man beglückwünschte uns, dass wir die richtige Entscheidung getroffen hätten, die Ausbildung bei Siemens anzutreten.
Anschließend kehrten wir wieder in unsere "Klassen" [KB's: 4 Kauffrauen für Bürokommunikation, 6 Industriekaufleute, 5 Bachelors] zurück, spielten allerlei Kennenlernspiele und begannen an unserem Projekt zu basteln: Ein Theaterstück, das wir mehr oder minder erfolgreich am späten Mittwoch nachmittag aufführten. Zwar reichte es nicht für einen Auftritt auf der Festzeltbühne am Donnerstag (worüber wir alle nicht wirklich traurig waren), aber unsere Ausbilderin war dennoch sehr stolz auf uns.
Mit allerlei Informationen zur Ausbildung wurden wir auch versorgt. Die Schulzeit ist nun endgültig vorbei, wusste ich. Von nun an ist die Verantwortung für mich selbst [und andere] so viel größer. Es gibt Unmengen an Dingen, die man zu beachten hat. Protokolle, Urlaubsanträge, und und und.
Das bedeutet aber keinesfalls, dass ausschließlich "Arbeit" auf uns zukommt. Wobei, vermutlich doch, aber nicht ohne, dass wir vorher nochmal ordentlich gefeiert haben:
Donnerstag begann man um 14 Uhr die neun besten Theaterstücke auf der Bühne vor vielen wichtigen Menschen aufzuführen. Waren recht Gute dabei. Das Wortspiel "Bei der Gründung war SIE auch schon vor den MENS" fand ich sehr amüsant. Und dass der chinesische Gastarbeiter Deutschland doch nicht so prickelnd findet und vor seiner Abreise gleich noch was mit nach Hause nimmt: Die Glühbirne ("Die Idee") war auch ein Volltreffer.
Im Anschluss an die Präsentationen wurden noch einige wichtige Personen auf die Bühne gebeten. Man lobte uns mehrmals, gab uns auf den Weg, dass wir auch in der Ausbildung genauso lebensfroh und voller Energie sein sollte wie in den letzten Tagen. Es wurde noch viel mehr gesagt. Sachen, die mich fast ein wenig zum Weinen brachten. Nicht weil es rührend oder traurig war, sondern wegen der klaren Aussage, dass ich nun ein Teil von Siemens bin. Ich! Diese Gewissheit, dass nun wirklich alles anders wird. Kann das gar nicht in Worte fassen, was in mir vorging. Es war zumindest sehr aufwühlend. Ich denke, jeder, der selbst (vor kurzem) eine Ausbildung begonnen hat, kann dieses Gefühl zumindest ein klein wenig nachempfinden.
Nachdem alle ihre Dankesworte losgeworden waren, noch 10 Tausend Mal Schlachtrufe durch's Zelt gingen - zum einem, der der Olper: "Allee, Allee, Allee, Allee, Allee! Keine Straßen! Viele Bäume! Aus Olpe kommen wir!" und zum anderen der, der Finnetroper: "Dübdübdübdüdüdübdübdüb düdüpdüdüdüdüpdüp Hop Hop Finnentrop ist top" - wurde dann auch endlich das Grillbüffet eröffnet.
Apropos Essen: Die haben es wohl wirklich gut gemeint mit uns. Das beste Jugendherbergs-Essen, das wir alle je hatten! Frühstück, Mittag, Kaffee, Abend. Wen wundert's da noch, dass ich heute entsetzt feststellen musste, dass ich drei Kilo mehr auf den Rippen habe.
Ach und zu unserem Schlachtruf: Es war wirklich so. Weit und breit nur Bäume. Wir durften das Gelände nicht verlassen - wohin auch?! War ja nüscht da! Für die Gröhlerei waren übrigens eher die Techniker verantwortlich - wir KB's hielten uns da meist dezent zurück - nicht nur, aber irgendwann ging es auch uns auf die Nerven.
Nun aber wieder zurück zum Feiern. Nachdem das Grillzeugs verdaut war, trat eine wirklich tolle, stimmungsvolle Liveband auf und holte so ziemlich jeden nach vorne auf die Tanzfläche. Und ja, mit so ziemlich jedem ist auch meine Wenigkeit gemeint. Denn ich habe mein Vorhaben wahr gemacht: Offen sein! Und da gehört es dazu, sich der Gruppe anzuschließen. Das hat nichts mit Gruppenzwang zu tun, sondern einfach mit dem Zusammengehörigkeitsgefühl zu dem Team, zu dem wir in den paar Tagen gewachsen sind - gemeinsam Spaß haben eben.
Das heißt nicht, dass ich total abging, aber ich wagte zumindest den Versuch mich ein klein wenig zur Musik zu bewegen und mitzusingen! Sogar "Alt wie ein Baum" wurde gespielt. Doch schon bald hieß es: "Laaaaleeeluuuu"! Nach drei Zugaben sangen uns die zwei Siemens-Menschen in den Schlaf. Dabei war es gerade mal kurz vor elf! Aber so ist das nun mal in einer Jugendherberge! Um 23 Uhr haben alle auf ihren Zimmern zu sein und die aus den anderen Jugendherbergen hatten schließlich auch noch ein Stück'chen zu fahren.
Mit einem dröhnendem Kopf wachte ich heut' morgen auf. Das lag jedoch nicht an den paar Radlern, die ich weggepichelt hatte, sondern vielmehr an der Erkältung, die in diesen Tagen zum Ausbruch gekommen ist. Das ist der einzige Minuspunkt, den ich zu vergeben habe.
Ach nee! Einen habe ich noch: 11:30 Uhr war die Abfahrt geplant. Kein Mittagessen. Dann die Nachricht, dass der Bus im Stau stehe. Doch Mittagessen. Und wir warteten - sahen wie die Paderborner, die erst nach uns abfahren sollten, Olpe verließen, während wir immer noch zwischen all den Bäumen verloren waren. 19:30 Uhr war ich dann endlich zu Hause. Mit dreistündiger Verspätung...
Aber was sind die fünf Stunden langweilige Busfahrt schon gegen fünf wahnsinnig tolle, motivierende Tage mit richtig netten Leuten! Die Industriekaufleute sind total nett und lustig. Werden sicher 2,5 schöne, erlebnisreiche, gemeinsame Jahre. Die Bürokauffrauen, die ich erst für Tussen hielt, wurden ebenfalls von Tag zu Tag sympathischer. Und die Bachelor waren auch allesamt sehr unterhaltsam.
Nun sehe ich mich vor einem Problem, dessen Ausmaß ich momentan noch nicht kenne: Neues Leben mit dem alten zu kombinieren. Neue Kontakte knüpfen und intensivieren, ohne die alten zu vernachlässigen. Wird sicher nicht leicht werden, also bitte seid mir nicht böse, wenn ich in den ersten Wochen zeitlich nicht immer alles unter einen Hut bekomme. Zwar habe ich noch keinen richtigen Arbeitstag hinter mir - aber ich war selbst während der Auftaktwoche ständig müde und vermute daher, dass die Online-Aufenthalte in nächster Zeit etwas dürftiger ausfallen.