Montag, Dezember 17, 2007

Der Stich des Skorpion IV

Und wieder hat er zugestochen. Wie immer unerwartet. Nicht, dass ich ihn vergessen hätte. Erst heute morgen hatte ich an ihn gedacht. Der dumme Gedanken, ihm um Weihnachten rum einen Besuch abzustatten, war schnell wieder verworfen. Denn nach meinem 20. Geburtstag fasste ich den Entschluss einen Schlussstrich zu ziehen. Bisher lief alles gut. Kein Kontakt.
Als ich von der Schule wiederkam: Ein Brief. An mich adressiert. Zunächst freute ich mich. Ich liebe es (persönliche) Post zu bekommen. Ich sah die Schrift. Wusste, dass sie mir bekannt vorkam, konnte sie dennoch nicht einordnen. Alain, Robby, Matthias - oder doch ein "Engerl"?! Nichts von alledem. Ich nahm den Brief aus dem Umschlag, blätterte zur dritten Seite, suchte den Namen. Schock! Damit hatte ich beim besten Willen nicht gerechnet. Ich scheine mich in all den Jahren so von ihm entfernt zu haben, dass ich nicht mal seine unverwechselbare Handschrift auf Anhieb mit ihm in Verbindung brachte.
Der Brief an sich war schön zu lesen. Wie ein Tagebucheintrag. Einfache Sätze. So einfach, dass man sie schon beinahe als Kunst bezeichnen könnte. Vielleicht nicht Kunst. Aber mir kam der Gedanke, dass dies ein typischer Brief wäre, den man im Deutschunterricht bis auf's kleinste Detail interpretieren könnte, würde er von einem bedeutenden Schriftsteller stammen.
Auf eine gewisse Art und Weise berührten seine Zeilen, seine Beschreibungen, seine Empfindungen. Gerade weil sie so einfach, (teilweise) so unverblümt beschrieben sind. Seine Erinnerungen (an mich) beschreibt er als den einzigen Schatz, den er noch besitzt.

Und was nun?! Ich will nicht mehr. Ich möchte mich ihm nicht wieder annähern, um dann doch wieder enttäuscht zu werden. Ich möchte mich nicht immer und immer über mich selbst ärgern, weil ich so dumm war, auf ihn reinzufallen.
Und doch - mit den paar Zeilen erreichte er, dass ich mich fragte, ob es nun an der Zeit wäre, dass ich mich wieder melde (ganz davon abgesehen, dass er keinen Absender hinterlassen hat). Würde ich mich nicht melden, wäre ich die "böse Tochter", die ihren Vater, der sich ja ach so um sie bemüht, ignoriert.
Ehe ich diesen Gedanken weiterstricken konnte, wurde ich von meinen Freunden wachgerüttelt. Die erste Frage, die sie mir stellten: "Hat er nach dir gefragt?" Ich musste nicht lange überlegen. Nein. Und das geht seit Jahren so. Es hat sich nichts geändert. Nehme ich diesen Brief also reaktionslos zur Kenntnis, wie auch den nächsten, den er mir versprochen hat?!
Ach verdammt. Ich fühl mich trotzdem schlecht. Ich mag es ja auch nicht, wenn ich mich bei jemandem melde und keine Reaktion kommt... aber... ich hab ihm nichts mehr zu sagen. Absolut nichts. Mein Leben geht ohne ihn weiter. Über sieben Jahre schon. Ich brauch' ihn nicht.

"Ich bin sehr stark geworden.
Auch ohne deine Hand."
(Olli Schulz & der Hund Marie - Armer Vater)

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