Sonntag, Oktober 07, 2007

Danke, ich hab euch auch lieb.

Ich dachte wirklich, es geht mir gut. Ich war wirklich dabei, die Einstellung zu bekommen, dass Single sein gar nicht so schlecht sei und dass ich da drüber stehen kann. Kein Grund mehr sich weiter über die "Einsamkeit" zu beklagen. Drei Tagen bei meiner schrecklich netten Familie haben diese (positive) Entwicklung jedoch wieder zunichte gemacht.
Danke an die Neue meines Cousins, die sich noch vor der Frage nach meinem Alter erkundigte, ob ich einen Freund hätte. Ist das wichtig? Als wäre es ein Statussymbol mit dem man sich schmückt und nach dem man beurteilt wird.
Immerhin machte sie mir ein Kompliment: "Sieht man [dass du nicht rauchst] Weil du schöne Haut hast"... Okay, hab ich zwar noch nicht gemerkt, aber danke...
Nach diesen netten Worten erreichte meine Oma, dass mein Selbstwertgefühl gleich mal wieder in den Keller sank: "Streck deinen Po nicht so aus. [...] Ganz schön fetten Hintern hast du." Danke, sehr charmant. Ich musste mich wirklich zusammenreißen. Danach ging ich erstmal eine Runde spazieren und gab mir eine Überdosis Wohlstandskinder ("Für Recht und Ordnung" - perfektes Album bei aufgestauten Hassgefühlen), um meine Wut nicht an meinen Mitmenschen auszulassen.
Danke an meine Freundin aus Sekundarschulzeiten, mit der ich mich nach Jahren zum Eisessen verabredete. Das Entsetzen darüber, dass ich immer noch keinen Freund hatte, konnte sie auch nicht mit ein paar gut gemeinten, vermeintlich aufbauenden Worten vertuschen. Damit verschlimmern die Leute es nur noch.
Gestern wollten meine Tante und Klaus allein sein. Hätten sie mir auch direkt sagen können. Wäre ich freiwillig ins Bett oder zu Oma. Stattdessen beauftragten sie seinen Sohn, mich zu überreden mit ihm in die (Assi-)Disco zu kommen (Tante: "Wenn du es schaffst sie zu überreden, spendier ich dir den Abend.") Sorry, Argumente wie "Wenn man sich volllaufen lässt, macht es Spaß. [...] Alkohol ist doch nicht schlimm. [...] Ich zeig' dir heute mal ein paar alkoholische Getränke, die wirklich lecker schmecken." wirken nicht wirklich überzeugend auf mich.
Mit einem Mal gewann ich meine Blockkünste wieder zurück und so ließ ich ihn gehen. Brauch das echt nicht. Ich meine, ich kannte ihn grad mal zehn Minuten und soll schon mit ihm und seinen Freunden auf die Piste?! Und soll ihm zugucken wie er sich volllaufen lässt?! Nein, danke.
Danke auch an die ganze Familie, die beim heutigen Frühstück das Sahnehäuchen setzte. Als meine Oma erfuhr, dass ich gestern eigentlich mit Klaus' Sohn auf die Piste sollte, meinte sie [für mich Partei ergreifend]: "Och. Sie hat doch noch Zeit. Das ist doch noch zu früh." Was auch immer sie meinte...
Meine Cousine [entsetzt]: "Sie ist 20!"
Meine Oma: "Na ja, hat doch noch nichts versäumt."
Meine Cousine zweifelnd/abwertend/viel sagend: "Na ja..."
Danke, ich hab euch auch lieb.

"Es tut so weh dir zu zuschauen,
man versucht deinem Leben einen Sinn zu geben.
Und der Kalender hinter dir
ist schon 20 Jahre alt.
Es sieht so aus als rast die Zeit
Ohne Halt. [...]

Was du in deinem langen Leben schon erreicht hast,
ist nicht viel
Du hast Angst vor neuen Dingen,
weil du das Fremde nicht kapierst[...]

Ist es wirklich so spät
bist du denn schon so weit
musst du wirklich schon gehen -
ja ich hab doch noch Zeit
Und werd es besser tun als Du.

Was du verpasst und ignorierst,
holst du nie wieder ein.
Rennst mit Scheuklappen durchs Leben.
Deine Welt sie ist so klein.
Alle Triebe und Gefühle unterdrückst du wie den Schmerz,
der sich von innen langsam hoch frisst
bis zum Herz."

(The Wohlstandskinder - "Konservativ")

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