Mittwoch, August 08, 2007

Mein letzter Tag oder: Der Tag der Komplimente

Wenn es um Komplimente geht, müsste ich eigentlich schon beim gestrigen Tag anfangen - meinem vorerst vorletzten Arbeitstag an der Star-Tankstelle Nolte.
Ein Kunde wollte sein Auto waschen, kam dann noch ein zweites Mal herein, um sich ein Snickers zu kaufen und schließlich ein drittes Mal mit den Worten:
"So da bin ich wieder, damit's auch nicht langweilig wird! Nein, sie sind mir so äußerst sympathisch, da muss ich immer wiederkommen." (Er war mindestens 35 und verheiratet, wenn's wen interessiert.)
Nun zum heutigen Arbeitstag. Pünktlich, wie immer, erschien ich an der Tanke, um meine Chefin abzulösen, einen großen Behälter mit Kuchen in der Hand. Meine Chefin wurde darauf aufmerksam, ich erklärte ihr, dass ich Kuchen gebacken hätte, da es doch mein letzter Arbeitstag sei.
Daraufhin fielen Worte wie: "Das ist wirklich schade. [...] Das hat mir noch bei keiner anderen so leid getan wie bei ihnen." [oO was hab ich denn bloß getan?!] Plötzlich verschwand sie und kam mit einem kleinen Geschenk sowie einem Umschlag zurück, überreichte es mir, bedankte sich nochmals, lobte mich und - und umarmte mich!
Kurz nach zehn saß ich dann allein da und wartete darauf, Stammkunden zu empfangen, die mir sympathisch sind, um ihnen ein Stück Kuchen anzubieten. Davon kamen jedoch in all den vier Stunden gerade mal drei.
Meine Lieblingsstammkundin, die ich hier schon des Öfteren wegen ihrer Ausstrahlung, Unterhaltsamkeit und Sympathie erwähnt habe, die mir Tipps gab, was ich nach dem Abi machen sollte, mir von Paris vorschwärmte, und mir eben heute noch einmal alles Gute wünschte und stolz war, dass ich - im Gegensatz zu ihrer Tochter - (angeblich) so klare Vorstellungen davon habe, was ich nach dem Abitur machen wolle.
Eine Russin mit ihrem knuffigen Sohn, der sie immer wieder auf's Neue überredet ihm Kaugummi zu kaufen. Wirklich immer!
Und schließlich der werte Herr, der jeden Morgen kommt, um sich sein Päckchen Zigaretten zu erwerben. Ihn werde ich besonders vermissen. Er mich scheinbar auch: "Schade. Es war schön immer von einem so fröhlichen Gesicht begrüßt zu werden."
Es folgten Kunden, mit denen ich nie wirklich etwas zu tun hatte. Irgendwann bot ich auch diesen ein Stück Kuchen an, aber zu etwa 75 Prozent musste ich mir stets ein "Ich bin auf Diät.", "Ich darf nicht.", "Ich habe gerade gegessen." anhören. Die wissen ja gar nicht, was denen entgangen ist.
Ein Kunde dagegen war jedoch ganz erpicht darauf. Er war dick, sehr sogar, braunhäutig, bestimmt schon über 25 und hatte einen ausländischen Akzent. Ich versuch' mal wiederzugeben, was er - in etwa - alles sagte:
"Mein lieber Scholli, so ein hübsches Mädchen [...] Kuchen? Mein lieber Scholli! [...] Der letzte Tag? Das muss aber gefeiert werden! [...] Muss dich dein Freund heute abend mal ausführen. [...] Oder gibt es gar keinen? [...] Wie kann es sein - wenn ich fragen darf - dass so ein hübsches Mädchen keinen Freund hat? [...] Noch nicht den Richtigen getroffen? [...] Also wenn du willst, sag Bescheid, dann würde ich dich mal ausführen."
Nein, ich machte kein "Alta! Was willst du denn?"-blockendes-Gesicht, sondern lächelte freundlich: "Ich merk's mir." Als er in seinem Wagen saß, schaute er noch ein paar Mal zu mir, lächelnd. Manno... Er hat mich so an Eik erinnert, der mich mal vor Jahren beim Osterfeuer in Magdeburg angemacht hatte ["Ich hab ein Haus, ein Auto und Land."]...
Mein Chef, der - wenn er mich ablöste - fast immer fünf Minuten später kam, erschien heute fünf Minuten bevor ich von einer anderen Aushilfe abgelöst wurde, und ließ es sich auch nicht nehmen, ein paar lobende Worte loszuwerden: "Wenn alle so wären wie du, bräuchten wir uns gar keine Sorgen zu machen. [...] Die Tür steht für dich jederzeit offen."
Was ist denn so besonders an mir?! Erst heute bemerkte ich wieder wie unfähig ich bin ein lockeres Gespräch mit Kunden zu führen. Oder dem Chef gegenüber auch mal längere Sätze oder Fragen zu äußern, wenn er gerade in Plauderlaune ist. Es ärgert mich so, dass ich nicht so offen auf Menschen zugehen kann. Man könnte meinen, ich bin für den Umgang mit Menschen nicht geschaffen. Doch das stimmt auch nicht so wirklich, denn das war mitunter das Schönste an dem Job. Die Menschen.
Ich kann im Nachhinein gar nicht mehr beschreiben, was vorhin so alles in meinem Kopf umher schwirrte. Auf jeden Fall nahm mich das emotional dann doch mehr mit als erwartet - im Auto kamen mir fast die Tränen.
Die letzten Tage dachte ich immer nur mit Freuden: "Nur noch soundsoviel Tage arbeiten." Aber heute war es soweit. Und es war komisch. Seitdem 01. April 2004 war ich nun dort, bin so vielen Menschen (gerne) begegnet, die ich größtenteils kaum noch wiedersehen werde. Und dann waren heute auch noch so wenige da, die mir ein ganz klein wenig ans Herz gewachsen sind. Sogar den jungen Klempner habe ich um ein paar Minuten verpasst - dafür kam ich mit seinem Vater kurz ins Gespräch, auch wenn er nicht von meinem erstklassigen Kuchen kosten wollte, da er gerade gefrühstückt hatte. Na gut, der Klempner ist im Grunde nicht das Problem, da unsere Heizung im Winter sicher noch einmal gelüftet werden muss oder ähnliches... Außerdem interessiert der mich ja sowieso schon lange nicht mehr. Darum geht es auch gar nicht. Schließlich interessiert mich manch' alte Oma auch nicht in dem Sinne und dennoch ist es schade, sie nun kaum mehr zu sehen.
Trotz allem war es schön. Viele Kunden erkundigten sich - nachdem sie erfuhren, dass ich nicht Geburtstag hätte - wie es nun weiterginge, wenn dies mein letzter Tag sei, und wünschten mir "Alles Gute für die Zukunft". Eine stellte mir die so unkompliziert klingende Frage "Und trauriges oder schönes Ereignis", die überhaupt nicht leicht zu beantworten war. Auf der einen Seite ist es natürlich schön, weil ich das Glück habe, einen Ausbildungsplatz sicher zu haben. Andererseits ist es aber auch traurig, weil ich solange bei Noltes beschäftigt war.
Aber wer weiß - vielleicht gibt es tatsächlich ein Wiedersehen. Ist zumindest nicht auszuschließen, da ich irgendwann ja auch ein paar Wochen Berufsschule haben werde.