Sonntag, Juni 10, 2007

Von einer Party, die im Gedankenstrom endete...

Während sich draußen die Kröten mit den Boxen auf dem Schützenplatz einen Wettstreit leisten, wem es wohl am besten gelingt in meine Ohren zu dröhnen, werde ich mal vom heutigen Abend berichten. Passend dazu, ertönt gerade "54, 74, 90, 2010" vom Balkon. Denn wie schon heute mittag, kleideten wir - Kot-Ulla, Julia und ich - uns zu Janines Geburtstagsfeier wieder mit unseren WM-Shirts! Der 9. Juni letzten Jahres darf schließlich nicht in Vergessenheit geraten.
Pünktlich um 20 Uhr kamen wir an. Mal wieder die ersten Gäste. Mit Steff stieß ich mit den aus Paris geschmuggelten 15 ml Heineken-Flaschen an. Anschließend saßen wir so rum. In Folge eines Schwanks aus meiner Kindheit, lagen Steff, Kot-Ulla und Julia fast am Boden vor Lachen. Erneut saßen wir rum und fragten uns, was wir noch so machen könnten. Julia schlug Prominenten-Raten vor. Ich hatte wie immer Post-its mit und so konnte das Raten beginnen. Sehr geil war als drei von uns vieren "Quasimodo" auf der Stirn kleben hatten. So kam es, dass Steff vorgab keine französische Figur zu kennen, während sie direkt auf Kot-Ullas Stirn starrte. Sehr lustig!
Zwischendurch kam so manch weiterer Gast an unseren Tisch und musterte unsere Zettel, wie zum Beispiel Andi, der heute mal wieder so gesprächig wie vor exakt einem Jahr war: "Was habt ihr denn da kleben? Briefmarken? Damit ihr endlich mal wertvoll seid?!" Wirklich sehr charmant.
[Ich korrigiere mich. Die Kröten bieten sich einen Wettstreit mit den Boxen, die hier irgendwo in der Nachbarschaft rumstehen. Hab mich schon gewundert, was ich die Musik heut' so deutlich und auf Anhieb erkenne, ohne großartig meine Ohren spitzen zu müssen. "Eins kann mir keiner... Eins kann mir keiner nehmen und das ist die pure Lust am Leben...]
Knapp zwei Stunden spielten wir "Wer bin ich?" und kurz nach Mitternacht entschieden wir uns langsam aufzubrechen. Bis wir an unseren Autos waren dauerte es aber noch so einige Minütchen und als ich mich grade reinsetzen wollte, hörte ich aus dem Garten, dass Kot-Ulla noch bleiben würde. Das kam sehr überraschend und motivierte uns zur Rückkehr.
Zurück im Garten erklang gerade "Wie schön, dass du geboren bist". Das Lied, das meine Cousine vor zwei Wochen mitten in der Nacht am Telefon ertragen musste. Ich kann halt nicht singen, schon gar nicht, wenn ich dabei anfangen muss zu lachen. Egal. Wir gröhlten mit und Julia stellte erneut fest, dass wir die perfekten Fussball-Fans wären. Na ja, ich weiß ja nicht. Nur weil man bei einem Kinderlied mitgröhlt?! Okay, in dem Moment musste ich ihr zustimmen, wir klangen wirklich wie alt eingesessene Fans.
Dann saßen wir wieder rum. Bis - ja bis der "Burger Dance" erklang. Da ließen sich alle von Sabrina anstecken und machten kräftig mit. Ich hatte die Ausrede Fotos machen zu müssen. Und als das keinen mehr interessierte, ja da wehrte ich auch ab. Ich mag Tanzen einfach nicht. Ist lustig zuzuschauen, aber das reicht mir dann auch. War schon immer so und wird auch so bleiben. Auch wenn ich mir wünschen würde, in dieser Hinsicht mal etwas lockerer zu sein.
So wie meine Eltern. Diesen Vergleich stellte nämlich Janines Vater an als er ankam und sich zu mir setzte. Er war ganz erstaunt, dass ich mich gar nicht mit auf der "Tanzfläche" tummelte, während mein Vater dort wohl immer total aufging, meine Mama ebenfalls.
Wo wir schon beim Thema waren, begann er mich nach meinen Eltern zu fragen. Eher nach meiner Mama. Danach äußerte er sich zu meinem Vater. Wie er sich verändert hätte. Vor sieben, acht Jahren sah Janines Vater ihn noch als jemanden an, mit dem er gut auskäme, auch zukünftig. Doch im Ice-House hätte er sich enorm verändert. Die Haare, der Charakter, der Drang jung zu sein, nach außen hin nicht zu zeigen, dass man schon die 40 überschritten hatte, sich wie ein 20-jähriger zu verhalten, zu kleiden.
Viel konnte ich dazu nicht sagen, sodass er schließlich auf meine Zukunft zu sprechen kam, was ich so vorhatte. Er war begeistert zu hören, dass ich zunächst eine Ausbildung beginnen würde. Riet mir aber eindringlichst, anschließend in jedem Falle zu studieren. Dass ich schon immer vorhatte, nach dem Abitur erst etwas Praktisches zu machen und Geld zu verdienen, hätte ich besser für mich behalten sollen. Letzteres weckte Missmut in ihm. Es sei die falsche Einstellung, etwas zu tun, nur um "Geld zu verdienen". Es gäbe Wichtigeres. Da hat er recht. Doch ich hatte nicht das Gefühl, dass er unter dem, was gegenüber Geld viel wichtiger sei, das verstand, was ich darunter verstand. Familie und Gesundheit. Er dagegen spielte erneut auf das Studium an. Dass ich diese Chance nicht verpassen solle und was weiß ich. Doch wozu schließt man ein Studium an die Ausbildung an? Für die persönliche Entwicklung? Ich denke eher, dass man nach besseren Karrierechancen strebt und hat man diese erreicht, so verdient man verglichen mit einem einfachen Industriekauffmann ohne Studium sicherlich mehr. Da haben wir es wieder: Das Geld.
Auf der Autofahrt dachte ich darüber nach, was nun der wahre Grund war, mich für eine Ausbildung zu entscheiden. Das Praktische? Oder nur das Geld? Schwierige Frage. Letztendlich stand für mich relativ früh fest, dass ich eine Ausbildung machen möchte. Ein direkt an das Abitur angeschlossenes Studium stand für mich nie zur Debatte. Ich nutze auch meine letzten beiden Sommerferien dafür, in die Berufswelt zu schnuppern - unentgeltlich. Es hätte auch Schnupperstudien gegeben, aber sowas interessierte mich nie.
Dennoch denke ich, dass das Geld auch eine enorme Rolle spielte. Nicht unbedingt um Reichtum anzuhäufen. Ich würde eher sagen, dass es mir um Unabhängigkeit ging. Auch wenn ich noch mindestens die nächsten 12 Monate insofern abhängig von meiner Mama sein werde, da ich mit ihr zusammen lebe, werde ich finanziell unabhängiger sein. Ein Studium käme finanziell gar nicht in Frage, zumindest nicht dort, wo Studiengebühren fällig sind wie in Niedersachsen. Das wäre eine enorme finanzielle Belastung für meine Mama und ich müsste nebenbei arbeiten. Nicht, weil ich neben dem Studium gerne etwas Praktisches machen wollte, sondern weil ich es müsste.
Für mich gibt es Wichtigeres als Geld. Doch ist es für meine und die Existenz meiner Mama, meiner Familie notwendig. Wir müssen arbeiten, um es zu verdienen. Gut, wer muss das nicht?! Hotelerben - oder besser: Hotelerbinnen - vielleicht.
Ich möchte an dieser Stelle wirklich niemanden verletzen, aber es ist nun mal so wie es ist: Für meinen Gesprächspartner war "Geld zu verdienen" kein Argument, eine Ausbildung zu beginnen. Weil er womöglich die besseren Möglichkeiten hat, seine Kinder zu fördern und nicht die Notwenigkeit vorhanden ist, dass die Kinder sofort nach dem Abitur einen Beruf ergreifen, um den Eltern nicht mehr auf der Tasche zu liegen. Das find ich gar nicht schlimm. Es ist in Ordnung. Wer die Möglichkeit hat, seine Kinder zu fördern, sollte dies auch tun. Vermutlich würde meine Mama es auch tun. Wenn ich sie davon überzeugen würde, dass ich es mein größter Wunsch wäre, ein privates Studium zu beginnen, welches jedoch 1.500 € pro Semester kosten würde, dann würde sie zunächst schlucken. Aber sie würde nach Möglichkeiten suchen.
Das ist natürlich nur ein Beispiel. Erstens würde ich kein privates Studium wollen - was zeigt, dass der Wunsch etwa Praktisches zu machen doch mit im Vordergrund steht. Zweitens würde ich nicht wollen, dass sie es auf sich nimmt. Mich würde ein schlechtes Gewissen plagen, weil sie für mich verzichten müsste. Und das fänd ich schlimmer als die andauernde (finanzielle) Abhängigkeit von ihr.
Ich hoffe, es war halbwegs verständlich, was ich ausdrücken wollte und es ist deutlich geworden, dass ich niemanden verurteile, der mehr finanziell besser bestückt ist. Und wenn ich mich geirrt habe und die Familie, die ich zum Vergleich genommen habe, doch kein so finanziell unbesorgteres Leben führt, dann nehme ich das zurück und stelle den Vergleich mit einer anderen fiktiven Familie an, auf die die Beschreibung eher zutrifft.
Ich möchte auch nochmal erwähnen, dass mir bewusst ist, dass es anderen schlechter geht. Ich bewundere meine Mama, wie sie das alles packt. Sie erhält keine Unterstützung von meinem Vater und schafft es dennoch mir ein doch recht angenehmes Leben zu ermöglichen. Wenn ich mir überlege, dass ich innerhalb von zwei Wochen zwei europäische Metropolen, teure Pflaster, bereisen werde, erscheint der Eintrag eigentlich beinahe sinnlos. Ich habe kein Geld, aber zwei Kurztrips in zwei der exklusivsten Städte Europas kann ich mir leisten? Ist das nicht ein Widerspruch? Das ist genau die Denkweise meines Vaters. Er kritisiert die Menschen, die darüber jammern, kein Geld zu haben, dass mit dem T€uro alles teurer geworden ist und die dennoch ein-, zweimal im Jahr in den Urlaub verreisen.
Ich kann darüber nur lachen. Er selbst führte ein Leben im Luxus. Seit 1998 ist er selten, womöglich nie, verreist. Doch vergnügte er sich jede Nacht bis in den frühen Morgen in Restaurants, Bar, Cafés, um danach sein Frühstück bei Vatter einzunehmen. So schlecht kann es ihm also auch nicht gegangen sein.
Es ist nicht so, dass ich plötzlich gesagt habe, so jetzt fahr ich mal nach Rom, dann mal nach Paris. Ich kann es mir ja leisten. Letztendlich kann ich das natürlich, sonst würde ich es kaum machen können. Doch dafür, dass ich diesen Sommer in vollen Zügen auskosten kann, habe auch ich etwas geleistet. Nicht viel, wenn man wieder den Vergleich zu anderen oder auch zu meiner Mutter zieht. Aber warum immer Vergleiche ziehen?! Ich bin es, die vor drei Jahren einen Nebenjob angenommen hat. Der erste kleine Schritt in die Unabhängigkeit, die Mutter wenigstens teilweise zu entlasten. Trotz dieser Entlastung hörte ihre Unterstützung nicht auf. Manchmal ärgere ich mich darüber, wenn sie mir Geld gibt. Einfach so, ohne dass ich sie darum gebeten hätte. Ich ärgere mich, weil ich weiß, dass es eigentlich nicht ihre Aufgabe ist, dass sie genug für mich tut, dass sie auch so viele Kosten (für mich) hat. Und doch steckt sie mir gelegentlich etwas zu, obwohl das eigentlich die Aufgabe eines anderen ist. Eines anderen, der seine Pflichten seit nun mehr fünf Jahren nicht mehr wahrgenommen hat.

Dies sollte ein Eintrag über eine lustige Geburtstagsfeier werden, bei der wir viel Spaß hatten und lachten. Nun strömten aber mit einem Male so viele Gedanken durch meinen Kopf und tun es immer noch. Aber irgendwann ist auch mal Schluss. Schließlich beginnen die Vögel schon wieder zu zwitschern. Skandal. Skandal im Sperrbezirk tönt durch meine Balkontür.

2 Kommentare:

Robby hat gesagt…

:/

"Doch wozu schließt man ein Studium an die Ausbildung an? Für die persönliche Entwicklung?"

Auch - ja.
Wobei das eher der Grund war, gleich zu studieren.

Naja, auch egal. Habt ihr Andi wenigstens eine geklatscht? Der Spruch war schon unter der Grenze des guten Geschmacks.

Nin hat gesagt…

mein vater hat halt früher erst mal eine ausbildung gemacht weil er sich ein studium nicht sofort leisten konnte und hat dann ein studium angeschlossen um über seinen ausbildungsberuf hinaus zu kommen.. und er war erfolgreich.
aber das geht eben nicht immer allen so.. aber da der weg für ihn gut war.. will er anderen das halt mitteilen und sie dazu anregen sich auch nach der ausbildung noch neue ziele zu setzten.
das ist mein dad.. tut mir leid maria wenn er dich genervt hat ;)