... ist mal wieder jemand von uns gegangen.
"Mein Beileid." "Tut mir leid." So einfache, unverfängliche Sätze wollen mir aber irgendwie nicht über die Lippen gehen. Okay, ich habe zunächst auch nur zufällig von dem Tod einer alten Dame erfahren. Nicht persönlich. Dennoch hätte ich daraufhin nachfragen können oder eben aufgrund der zufällig aufgeschnappten Information direkt mein Beileid aussprechen können. Konnte ich aber nicht. Zudem kam in mir wieder so ein Nicht-wahrhaben-wollen-Gefühl auf. Ich weiß nicht. Auch wenn ein Mensch lange krank ist und das Ende abzusehen ist, fällt es mir dennoch wahnsinnig schwer zu begreifen, dass das Ende eingetreten ist. Scheinbar unabhängig davon, wie nahe ich der Person stand. Zumindest schlug mir die Nachricht heute ganz schön auf's Gemüt.
Im Laufe des Tages kamen dann vermehrt Kunden, die den Chef sprechen wollten. Und ich nehme an, dass es nicht war, weil ihr Auspuff kaputt war oder ähnliches.
Einer fragte mich: "Sagen Sie, wissen Sie schon, wann die Beerdigung ist?"
Nein verdammt! Zu diesem Zeitpunkt hatte mir noch nicht mal direkt jemand mitgeteilt, dass es einen Grund für eine Beerdigung gab und dann kommt so eine Frage. Da musste ich innerlich erstmal schlucken. Obwohl ich zufällig ja schon von dem Tod erfahren hatte, war das doch irgendwie zu direkt, zu einleuchtend. Die letzte Hoffnung erlosch, Zweifel ebenfalls.
Einige Zeit später, kam dann mein Chef. "Dass meine Mutter verstorben ist, weißt du bestimmt schon." Buff! Sollte überhaupt noch ein Zweifel bestanden haben - nun waren alle Unklarheiten beseitigt. Meine Chance, mein Beileid auszurichten. Meine Chancenlosigkeit. Ich konnte nicht. Stattdessen Nachfragen à la "Ging's ihr denn gar nicht mehr gut?" und Zuhören. Sie - bis zum Schluss bei klarem Verstand - hatte unglaublich starke Schmerzen. Es machte keinen Sinn mehr. Es war eine Erlösung. Eine Erleichterung. Ich weiß nicht... bin wohl unfähig ein "Tut mir leid" auszusprechen, wenn der mir gegenüber doch erleichtert ist, dass es ein Ende hat. Ich möchte damit nicht sagen, dass er froh ist, dass die "Olle" endlich weg ist. Nein! Ich denke schon, dass man(n) traurig ist. Innerlich. Nach außen hin eben stark sein, einsichtig: "Es war besser so." und innerlich eben um die geliebte - oft nervende - Mutter trauern.
Wie dem auch sei. Die passenden Worte konnte ich nicht finden. Hoffe es lag daran, dass die Distanz zu groß ist und dass ich Freunde hoffentlich mein Beileid aussprechen kann, indem ich sie wenigstens umarme. Aber einen Chef, der nach außen hin so stark erscheint, kann ich wohl kaum umarmen. Im Gegensatz zu mir haben die meisten Bissendorfer wohl die richtigen Worte gefunden und sei es nur per Beileidsbrief.
Da stellte sich mir aber schon wieder die nächste Frage. Warum kamen heute so viele Briefe, so viele Kunden/Bekannte, um der Familie N. ihr Beileid auszusprechen? Ist es ein reiner Akt der Anteilnahme? Oder doch eher ein Pflichtakt? Weil sich das so gehört? Weil man zur Beschissendorfer "High-Society" gehört und sich dadurch verpflichtet fühlt? Vermutlich ist es gemein von mir, den Bissendorfern so etwas zu unterstellen. Denn wenn ich so recht drüber nachdenke: Die alte Dame war bei vielen sicher bekannt wie ein bunter Hund. Jeder kennt sie. Sie gehört(e) für viele sicher zu Bissendorf, zur Tanke dazu. Sie war ein Bestandteil des Ganzen und nun ist sie nicht mehr da. Vielleicht geht es also den meisten so wie mir. Sie können es nicht recht glauben, finden es traurig. Im Gegensatz zu mir, sind sie allerdings in der Lage, ihr Beileid auszusprechen. Ich versuche dies aber auch einfach mal auf die enorme Lebenserfahrung zu schieben, die der große Teil der Beschissendorfer Bevölkerung hat.
Ich glaube allerdings, dass ich mich ich auch nicht ganz wohl dabei fühlen würde, wenn ich so "Pflichtakt"-mäßig ankommen würde. Da hilft vermutlich auch kein hohes Maß an Lebenserfahrung. Hab halt meine eigene Art, Anteilnahme zu zeigen. Ist nur die Frage, wie das bei den Trauernden und Außenstehenden ankommt.
Die intensivste Form, Anteilnahme zu zeigen, ist - meiner Meinung nach - immer noch an einer Beerdigung teilzunehmen. Auf diese Weise hat man schließlich letztmalig die Möglichkeit, dem Verstorbenen selbst die letzte Ehre zu erweisen...
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