Mittwoch, Oktober 25, 2006

Erleichterung und Erinnerungen

Entgegen meinen Erwartungen scheint es vielen Bissendorfern vermutlich ähnlich zu gehen wie mir. Wurde heute Zeuge zweier "Beileidsbekundungen":
1. Die männliche Variante: Kurzer Schulterklopfer. Unverständliches Gemurmle. Nachfragen, wie es in den letzten Tagen so war. Zuhören. Ab und zu Kommentare. Zustimmung. Kein "Mein Beileid" oder "Es tut mir leid". In etwa meine Reaktion - nur dass ich auf die ersten zwei Punkte verzichtet hab.
2. Die weibliche Variante: Brief hingelegt. Kommentare à la "War eine Erleichterung für alle, nicht wahr?" Beileid also ebenfalls nicht mündlich möglich, sondern nur schriftlich. Feigheit? Zu wenig Lebenserfahrung? Letzteres kaum. Ersteres ebensowenig. Vermutlich ist diese Unbeholfenheit einfach nur menschlich.

Was mich ein wenig überraschte, aber dennoch erleichterte: In der Todesanzeige bittet die Familie von Beileidsbekundungen am Grab abzusehen. Hab für mich selbst einfach mal daraus geschlossen, dass sie ebenso wenig davon halten. Wobei man natürlich auch berücksichtigen muss, dass die Beerdigung etwas ganz anderes ist. Wie dem auch sei - dieser Satz hat mich darin bestärkt, dass meine Reaktion, kein Beileid auszusprechen, vielleicht gar nicht so negativ gesehen wurde oder eben gar nicht weiter auffiel. Dafür hab ich zugehört - mehr als mir lieb ist. Hätte schon wieder beinahe heulen können als Herr N. von seiner Mutter im Allgemeinen und von den letzten Tagen, von der letzten Nacht am Krankenbett, sprach. Aber der Einzige, der wohl Grund zum Weinen gehabt hätte, wäre er gewesen.

An der Tanke herrschte heute immer noch eine bedrückte Stimmung. Die Kunden, die es wussten, fragten jedes Mal nach der Uhrzeit der Beisetzung, Todeszeitpunkt, erreichtes Alter und all sowas. Da kam man gar nicht in Versuchung an was anderes zu denken.

Mit der Chefin tauschte ich mich dann auch noch kurz über Beerdigungen aus. Wir waren uns beide einig, dass das Schlimmste daran, die "Feier" danach ist. Lachen. Saufen. So wie immer. Natürlich muss das Leben weitergehen - aber 10 Minuten nachdem man am Grab vor Trauer fast zusammengebrochen ist? Heißt ja nicht umsonst Trauerfeier - also warum sollte man sich benehmen wie auf einem Familienfest? Fand das damals bei meinem Opa einfach nur abstoßend, unwürdig. Hab dann auch der feiernden Gesellschaft recht zeitig einen Elbspaziergang vorgezogen.

Es ist Zeit, dass ich Fabian mal wieder besuche. Ich glaub da war ich seit 2004 nicht mehr - bevor ich bei seiner Familie zum Kaffeetrinken eingeladen war. Am Totensonntag (!) - ein besserer Termin für ein Wiedersehen hätte mir wohl echt nicht einfallen können. Kann gar nicht mehr so genau beschreiben, wie ich mich damals gefühlt hab. Auf der einen Seite so gut aufgehoben, alles war so vertraut. Alles sah so aus wie damals als wir noch befreundet/"verlobt" waren. Nur sein Zimmer wurde kurz vor seinem Tod renoviert. Alles erinnerte an ihn. Aber er war nicht mehr da. Nur auf den Fotos, die wir uns gemeinsam auf seinem Bett ansahen, und in unserer Erinnerung.

Und immer sind irgendwo Spuren Deines Lebens.
Gedanken, Bilder, Augenblicke und Gefühle.
Sie werden uns immer an Dich erinnern.

Fand ich einen unglaublich beeindruckenden Spruch für die Anzeige. Aber auch dies konnte ich meinem Chef gegenüber nicht ausdrücken, obwohl ich die Gelegenheit hatte als er mich fragte, ob ich sie schon gelesen hätte.

2 Kommentare:

Robby hat gesagt…

Yay, vor allem aufgrund des letzten persönlichen Teils bin ich hier fast am Losheulen...
Scheiß Empathie, gute Emotionsregulation... '-.- :)

Steff hat gesagt…

Also ich denk mal die Bitte von Beileids(Wort vergessen)-Bla abzusehen ist normal. Ich könnte auch nicht haben, wenn mir jeder sein Mitleid spenden würde. Da würds mir nur noch dreckiger gehen und ich würde sofort losheulen. Mitleid kann ich gar nicht ab.